Distanz zum grausamen Leid der Welt
Sein Debüt als Wolfram in Frankfurts "Tannhäuser" wurde als Ereignis und Offenbarung gefeiert; seine Liederabende und CD-Aufnahmen bringen ihm hymnische Kritiken ein. In der Philharmonie Essen bewies der melancholische Philosoph unter den Interpreten der intimen Kunst des Liedes, dass er solcher Superlative würdig ist.
In Christian Gerhahers Schumann-Programm geht es um die romantische Distanz zu einer Welt, die als eng und leidvoll erlebt wird. Wie ein Sinnbild stellen der Sänger und sein Gefährte am Klavier, Gerold Huber, "Freisinn" aus den "Myrten" an den Beginn des Abends. Dort reitet der Ich-Erzähler in die Nacht: Sie hüllt in den "Liederkreis"-Texten Joseph von Eichendorffs in Schauer und Einsamkeit, in funkelndes Sternenlicht und bleichen Mondesschimmer. Nach dem Gang durch die Qualen von Liebe, Enttäuschung und Bitternis, schließt Gerhaher sinnig mit dem "Einsiedler", der in der Hoffnung auf das "ew'ge Morgenrot" von Lust und Not ausruht.
Für den Gang durch die unergründlichen Klüfte der romantischen Seele bringt Gerhaher phänomenale gestalterische Intelligenz mit. In der Balance von musikalischer Linie und Gewichtung des Wortes neigt er eher dazu, einer beglückenden Phrasierung, einer organischen Klangentwicklung den Vorzug zu geben. Auch Gerold Huber, wenn er die gestaltungsdichten Miniaturen am Klavier kommentiert, setzt auf eine weiträumige Konzeption beziehungsreicher, vielfältig abschattierter Klänge.
Mit einem Ausdrucksspektrum von fahler innerer Pein bis zu sarkastischer Grelle, vom verzweifelten Ausbruch bis zu resignierender Ergebung tritt Gerhaher nie auf der Stelle. Er knüpft größere Zusammenhänge. Die drei Heine-Lieder vom "armen Peter" aus Schumanns Opus 53 etwa fasst er als ungeteilte Episode auf: In lakonischem Erzählton das erste, mit einer inneren Explosion des Schmerzes und stetig verlangsamtem Tempo das zweite bis zum "stille stehen und weinen". Das konzentriert lauschende Publikum im großen Saal der Philharmonie versuchte vergeblich, Zugaben zu erklatschen. Was sollte - nach so faszinierender Intensität - noch folgen?
Christian Gerhaher gastierte mit einem Schumann-Programm in der Philharmonie. Bariton überzeugte mit phänomenaler gestalterischer Intelligenz